Im Steinbruch von Loretto stellten SS-Angehörige die Marschgruppen mit ungarischen Juden nach einer Rast neu zusammen. Kurz nach dem erneuten Abmarsch Richtung Westen durchquerten die einzelnen Gruppen den Ort Leithaprodersdorf. Nach Erhebungen des dortigen Gendarmeriepostens im März 1946 erreichten die Ungarn den Ort am Karsamstag, dem 31. März 1945, um etwa 23 Uhr.[1] Gend Leithapr Evakuierungsmarsch LeithaprAufgrund der Masse an Menschen muss davon ausgegangen werden, dass zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich die ersten Gruppen durch den Ort getrieben wurden. Insgesamt wird der Durchmarsch einige Zeit in Anspruch genommen haben. Von Stotzing wissen wir beispielsweise, das mehrere Tage lang Gruppen mit ungarischen Juden das Dorf durchquerten. Die Begleitmannschaft vertrieb in Leithaprodersdorf die neugierigen Einwohner von der Strasse und duldete offenbar keine Zuseher, wie jedenfalls alle Befragten Dorfbewohner nach dem Krieg übereinstimmend betonten. Von den Wachmannschaften soll eine unbekannte Anzahl an Personen im Ort erschossen worden sein, wie der Gendarmeriebericht weiter festhielt. Angeblich hätten die Ungarn ihre toten Kameraden selber „beseitigen“ müssen.

Auf der Evakuierungsroute kam es zwischen St. Margarethen, Stotzing, Loretto und Leithaprodersdorf immer wieder zu Übergriffen durch Waffen-SS-Angehörige. Zahlreiche Überlebende berichteten, dass sie von SS-Truppen nicht nur ausgeraubt, sondern auch mit Schlägen und Tritten mißhandelt wurden. Noch erschreckender hingegen waren Situationen, in denen die Waffen-SS wahllos in die Kolonnen hineinschoss. Nach dem Krieg entdeckte man an der Straße von Loretto nach Leithaprodersdorf zwei Gräber mit jeweils zwei Leichen.[2]

Ihr weiterer Weg führte die Ungarn über Seibersdorf nach Gramatneusiedl. Auch in diesen Ortschaften wurden nach dem Krieg Massengräber entdeckt.[3] Die Seibersdorfer Bevölkerung beobachtete, dass zwischen Deutsch-Brodersdorf und Seibersdorf etwa 70 Juden von der Waffen-SS erschossen und verscharrt wurden.[4]

Im Bahnhof von Gramatneusiedl wurden die Ungarn schließlich in Güterwaggons verladen und nach Mauthausen geführt. [5]

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[1] Wiener Stadt- und Landesarchiv. 31 Vr 471-56, Brauner, März, Pöllhuber. Gendarmeriepostenkommando Leithaprodersdorf am 1. April 1946 an das Polizeikommissariat in Eisenstadt, Blatt 67.

[2] Eleonore Lappin-Eppel. Ungarisch-Jüdische Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen in Österreich 194/1945. Arbeitseinsatz – Todesmärsche – Folgen. Wien, Berlin o.J., S. 394

[3] Vgl. die Liste mit Massengräbern im Film von Michael Zuzanek und Gudrun Waltenstorfer: Alles Schweigen. Von Opfern, Tätern und anonymen Helden. Eine Dokumentation. Österreich 1993.

[4] Josef Buchinger. Das Ende des 1000-jährigen Reiches. Dokumentation über das Kriegsgeschehen in der Heimat. Band 1. Maschinenschriftliche Arbeit. Wien 1972. S. 108.

[5] Vgl. die DEGOB-Protokolle 1496 und 2429. (DEGOB: Deportáltakat Gondozó Országos Bizottság / Landeskomitee für Deportiertenfürsorge, http://www.degob.org/). Außerdem Landesgericht Wien, Vg 1a Vr 1322/49, Protokoll mit Andort Frankfurt, aufgenommen am 9. August 1945, Blatt 447f.

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