Von Stotzing kommend mühten sich die vom Südostwall evakuierten ungarischen Jüdinnen und Juden bis an den Ortsanfang von Loretto. Im dortigen Steinbruch wurden die Kolonnen erneut gesammelt. Drei Tage lang, vom 29. bis 31. März 1945, lagerten immer wieder Gruppen einige Zeit im Steinbruch, bevor sie wieder auf den Weg in Richtung Mauthausen geschickt wurden. Steinbruch Loretto 2016 kleinIm Meierhof der Gutsverwaltung Esterhazy befand sich eine Küche, die mehr oder weniger für die Verpflegung zuständig war.[1] Offenbar konnten oder sollten aber nicht alle UngarInnen über diese Küche verpflegt werden. So erzählte ein Überlebender des Donnerskirchener Arbeitslagers, dass er zwar beim Abmarsch in Donnerskirchen 350 Gramm Brot und 80 Gramm Margarine erhielt. Seine nächste Mahlzeit – eine Rübensuppe – erhielt er dagegen erst nach drei Tagen, als er in Gramatneusiedl eintraf. Andere Überlebende wiederum berichteten von einer Verpflegung im Steinbruch Loretto mit ein wenig Brot und Gemüsesuppe.[2]

Auf den Evakuierungsrouten kam es zwischen St. Margarethen, Stotzing, Loretto und Leithaprodersdorf immer wieder zu Übergriffen durch Waffen-SS-Angehörige. Zahlreiche Überlebende berichteten, dass sie von SS-Truppen nicht nur ausgeraubt, sondern auch mit Schlägen und Tritten mißhandelt wurden. Noch erschreckender hingegen waren Situationen, in denen die Waffen-SS wahllos in die Kolonnen hineinschoss.[3] Unabhängig voneinander betonten zwei Überlebende, dass sie bei Loretto durch eine enge Gasse zwischen etlichen am Wegrand abgestellten gepanzerten Fahrzeugen hindurchgezwungen, und dort von der SS mißhandelt wurden.[4]

In mehreren Aussagen finden sich außerdem Hinweise auf ein Massaker an den Ungarn in Loretto, dem zwischen 150 und 360 Menschen zum Opfer gefallen sind.[5] Demnach wurden wahllos Menschen aus den marschierenden Reihen herausgenommen und am Straßenrand erschossen, bzw. wurde mit Maschinenwaffen in die Menge geschossen. Eine Person berichtete von einem Wehrmachtsoffizier, der der Schießerei schließlich Einhalt geboten hätte.[6]Gend Leithapr Evakuierungsmarsch Loretto

Wir wissen, dass sich im fraglichen Zeitraum Einheiten des II. SS-Panzerkorps (und zwar Teile der 2. SS-Panzerdivision „Das Reich“ und der 3. SS-Panzerdivision „Totenkopf“), der 6. SS-Panzerarmee (und zwar Teile der 12. SS-Panzerdivision „Hitlerjugend“) und eine Kampfgruppe der 232. Panzerdivision auf dem Rückzug in Richtung auf Wien befanden.[7] Für den Raum Loretto läßt sich sogar recht genau eingrenzen, welche SS-Einheiten dort durchzogen. Am 30. März 1945 erschien in Hof am Leithagebirge ein Befehlsstand der 6. SS-Panzerarmee, der am nächsten Tag schon wieder weiterzog. Und in der Nacht vom 31. März auf den 1. April 1945 setzten sich aus Eisenstadt über das Leithagebirge die SS-Flak-Artillerie-Abteilung 3 nach Ebergassing, und das III. Bataillon des SS-Panzergrenadier-Regimentes „Thule“ nach Götzendorf ab. Zur gleichen Zeit zog sich die IV. Abteilung des SS-Panzer-Artillerie-Regiments 3 von St. Margarethen kommend über Schützen am Gebirge und Donnerskirchen über das Leithagebirge nach Mannersdorf zurück. Alle drei letzgenannten Einheiten waren Truppenteile der 3. SS-Panzerdivision „Totenkopf“, eines berüchtigen Eliteverbandes der Waffen-SS. Die Panzerdivision trug ihren Namen zu recht: Alle Angehörigen der Division stammten aus den SS-Totenkopfverbänden, und wurden (jedenfalls bis 1942) zu einem guten Teil aus den Wachmannschaften der Konzentrationslager rekrutiert. Es handelte sich um einen stark ideologisch geprägten Kampfverband, der immer wieder in Kriegsverbrechen wie z.B. in Frankreich oder auch in der Sowjetunion im Zusammenhang mit dem berüchtigten „Kommissarbefehl“ verwickelt war. Aufgrund des örtlichen und zeitlichen Zusammentreffens muss davon ausgegangen werden, dass die Täter der Erschiessungen ungarischer ZwangsarbeiterInnen bei Loretto auch unter den Anghörigen der 3. SS-Panzerdivision „Totenkopf“ zu suchen sind.

Ihr weiterer Weg führte die ZwangsarbeiterInnen über Leithaprodersdorf und Seibersdorf nach Gramatneusiedl. In allen diesen Ortschaften wurden nach dem Krieg ebenfalls Massengräber entdeckt.[8]

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[1] Wiener Stadt- und Landesarchiv. 31 Vr 471-56, Brauner, März, Pöllhuber. Gendarmeriepostenkommando Leithaprodersdorf am 1. April 1946 an das Polizeikommissariat in Eisenstadt.

[2] Eleonore Lappin-Eppel. Ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen in Österreich 1944/45. Arbeitseinsatz – Todesmärsche – Folgen. Wien, Berlin. o.J. (2010). S 393f

[3] Vgl. die DEGOB-Protokolle 710, 985, 1173, 1188, 1437, 1495, 1496, 1526, 1917, 2429 und 2631. Außerdem Aussage des I. Ban vom 22. August 1945. Zitiert nach Randolpf L. Braham: The hungarian labor service system 1939 – 1945. New York 1977. S. 92f.

[4] DEGOB-Protokolle 1496 und 2429.

[5] Vgl. die DEGOB-Protokolle 985, 1495, 1496, 1917 und 2631. (DEGOB: Deportáltakat Gondozó Országos Bizottság / Landeskomitee für Deportiertenfürsorge) http://www.degob.org/

[6] DEGOB-Protokoll 1496.

[7] Manfried Rauchensteiner. Der Krieg in Österreich 1945. Wien 1995. S. 136.

Friedrich Brettner. Die letzten Kämpfe des II. Weltkrieges. Steinfeld – Wienerwald – Tullnerfeld – Neusiedler See – Donau – March und Thaya. Berndorf 2013. S. 113ff

[8] Vgl. die Liste mit Massengräbern im Film von Michael Zuzanek und Gudrun Waltenstorfer: Alles Schweigen. Von Opfern, Tätern und anonymen Helden. Eine Dokumentation. Österreich 1993.

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