1988 entstanden im sogenannten „Bedenk-/Gedenkjahr“ an Österreichs Schulen zahlreiche zeitgeschichtliche Projekte, die sich mit dem Nationalsozialismus in Österreich auseinander setzten. Zum einen sollte der doch noch sehr lückenhafte Umgang der Schulen mit dem Thema der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ergänzt werden. Zum anderen sollte der Grabkreuz Krottendorf kleintraditionelle lehrerzentrierte Unterricht durch die Projektarbeit ergänzt und den Schülern die Gelegenheit zu eigenverantwortlicher und interessengeleiteter Auseinandersetzung mit einem selbstgewählten Thema ermöglicht werden.
Sicherlich eines der bemerkenswertesten Projekte setzte die 4. Klasse der Hauptschule in Neuhaus am Klausenbach mit ihrem Lehrer Udo Fellner um. Sie widmeten sich der Aufklärung der bislang nur hinter vorgehaltener Hand im Ort thematisierten Erschießung von ungarischen Zwangsarbeitern kurz vor Kriegsende im Wald von Krottendorf.
Dabei wurde das Massengrab im Wald von Krottendorf lokalisiert und von wild wucherndem Unterholz befreit. Anschließend stellte die Klasse ein selbst gestaltetes Birkenkreuz mit einer Erinnerungstafel am Ort des Verbrechens auf. In Kalch pflegten die Schüler die Grabstätten der dort beerdigten sieben ungarischen Opfer. Auch hier mußten die Gräber durch das Beseitigen des Unterholzes erst einmal wieder zugänglich gemacht werden. Der von Alan Brown für seinen Vater Sándor errichtete Grabstein wurde dabei etwas entfernt von der Grabstelle im Unterholz liegend aufgefunden. Nach der Säuberung der Grabstätten stellten die Schüler den Grabstein provisorisch wieder an seinen ursprünglichen Ort.
Dabei erarbeiteten sich die Schüler eigenständig einen Einblick in die Auswirkungen der NS-Herrschaft im unmittelbaren regionalen Raum, „und die verblüffendste Erkenntnis stellte sich ein mit der Entdeckung, daß das System des NS-Staates mit allen seinen Facetten in diesem kleinen Dorf wie in einem Mikrokosmos zu finden war. Diese Entdeckung hatte wahrscheinlich den größten Wert für die Schüler.“ Resultat des Projektes waren neben der Grabpflege auch die Gestaltung und Präsentation einer Ausstellung im pädagogischen Zentrum Langeck sowie die Abhaltung einer Gedenkfeier am 12. März 1988 in der Hauptschule Neuhaus unter zahlreicher örtlicher Beteiligung sowie der Anwesenheit des Landes- und des Bezirksschulinspektors. Weitere Kreise zog das Projekt auch durch die Berichterstattung in den regionalen Zeitungen und in einem Radiobeitrag. Eine weitere Folge des Projektes war schließlich die Exhumierung der sieben bei Kalch begrabenen Opfer und ihre Wiederbestattung auf dem jüdischen Friedhof in Rechnitz.

 

Quellen:

850 Jahre Neuhaus am Klausenbach, Mattersburg 2008, S. 58 - 63 und S. 173 - 176.

Udo Fellner. Bittere Heimatgeschichte, Das Schicksal der jüdischen Zwangsarbeiter in Krottendorf und Kalch. In: Gerhard Baumgartner, Eva Müllner, Rainer Münz (Hg.). Identität und Lebenswelt. Ethnische, religiöse und kulturelle Vielfalt im Burgenland. Eisenstadt 1989, S. 128 - 132.

Veronika Ratzenböck, Elisabeth Morawek, Sirikit M. Amann. Die Zwei Wahrheiten, Eine Dokumentation von Projekten an Schulen zur Zeitgeschichte im Jahr 1988. Wien 1989

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